Sonntag, 30. Juni 2013

BEBEK Report 1



 

Ausgabe 1 - Juni 2013

Qualität trotz Zeitmangel – und ihr Preis

Autorin: Katja Naschenweng

In der ersten Ausgabe des BEBEK-Reports berichten wir von Julia[1], einer Kindergartenpädagogin die in einem Kindergarten namens Regenbogenhaus[2] in Kärnten arbeitet. Wir werfen einen Blick auf Julias Arbeitsalltag mit vielen mehrsprachigen Kindern, erfahren warum sie so viel Wert auf die Zusammenarbeit mit Eltern legt und wie sie trotz Zeitmangels vorbildliche frühpädagogische Arbeit leistet. Und wir erfahren etwas über die schlechten Rahmenbedingungen in unseren Kindergärten und welche Auswirkungen sie haben können.

Schlüsselwörter: Mehrsprachigkeit und Vielfalt – Zusammenarbeit mit Eltern – Vorbereitungszeit – schlechte Rahmenbedingungen im Kindergarten



Das Regenbogenhaus

Es ist 06:30h als Julia den Kindergarten Regenbogenhaus betritt. Gut zwei Drittel ihrer dreißigjährigen Dienstzeit als Kindergartenpädagogin hat sie in diesem Haus verbracht, hier leitet sie eine von drei Gruppen mit je rund 20 Kindern. Julia liebt ihre Arbeit, sie ist Kindergartenpädagogin „aus Berufung“, sagt sie. Ihr ist sehr bewusst, wie wichtig ihre Arbeit für die Kinder und auch für deren Eltern ist, wie viel Verantwortung sie trägt, wie viel Einfluss sie auf die Entwicklung der Kinder nehmen kann.
Auf dem Weg zu ihrem Gruppenraum kommt sie am Büro der Leiterin vorbei, vor dem ein Plakat hängt, auf dem in verschiedenen Sprachen das Wort „Willkommen“ steht. Denn das Regenbogenhaus ist ein Kindergarten, den viele Kinder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte besuchen, rund 70 Prozent der Kinder sprechen eine andere Erstsprache als Deutsch.

 

Mehrsprachigkeit

Julia versucht im Rahmen ihrer Arbeit den Kindern und Eltern beste Bedingungen zu bieten, auf sie einzugehen, zu helfen und zu fördern – ganz unabhängig davon, wo diese Menschen geboren sind. Wie ihre Kolleginnen hat auch Julia während ihrer Ausbildung nichts über die Arbeit mit mehrsprachigen Kindern aus zugewanderten Familien gelernt. Das Fachwissen, das sie hat, hat sie sich größtenteils selbst angeeignet, weil auch die Möglichkeiten für Fortbildungen in diesem Bereich begrenzt sind. Julia interessiert sich zudem auch für die verschiedenen Länder aus denen die Familien kommen, die ihre Kinder zu ihr in den Kindergarten bringen, für ihre Sprachen, Religionen, Bräuche. Es liegt ihr viel daran, wie es ihnen hier in Österreich geht und wie sie als Kindergartenpädagogin dazu beitragen kann, dass diese Menschen hier ein Stück Heimat finden.
Und sie berichtet, dass man sich auch dann miteinander unterhalten kann, wenn man verschiedene Sprachen spricht – auch wenn das nicht immer einfach ist. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg:

 „Natürlich ist es manchmal auch anstrengend, wenn man einander nicht versteht und keine gemeinsame Sprache hat. Aber irgendwie funktioniert es immer, mit Händen und Füßen, mit Zeigen, mit Hilfe von anderen Eltern, die übersetzen. Man braucht irgendwie für jeden seine eigene Sprache, muss sich auf die einzelnen Leute einstellen und sie wahrnehmen. Und wenn nichts geht – ein Lächeln geht immer und das kommt auch immer an.“

 

Zusammenarbeit mit Eltern

Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist für Julia ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. „Im Regenbogenhaus geht ohne Eltern gar nichts. Eltern und Pädagoginnen müssen an einem Strang ziehen und die Kinder gemeinsam richtig fördern“, sagt sie. Damit meint sie, dass es für sie besonders wichtig ist mit den Eltern in ständigem Kontakt zu sein, sodass sie gemeinsam mit ihnen das Beste für die Kinder erreichen kann. Das morgendliche Tür-und-Angel-Gespräch ist der tägliche Anknüpfungspunkt zwischen Elternhaus und Kindergarten. Was gibt es Neues, ist etwas Besonderes geschehen, wie fühlt sich das Kind? Stück für Stück erfährt Julia so auch viel von den Familienbiographien und von den Lebenssituationen, von Besonderheiten und Schwierigkeiten der Familien. Solche Informationen von den Eltern ermöglichen es Julia auf jedes Kind einzugehen.

 

Zu wenig Zeit...

Beim Kontakt zu den Eltern tut sich aber immer wieder ein Zeitproblem auf, das Julia zu schaffen macht. Sie würde gerne regemäßige offene Treffen mit den Eltern organisieren, bei denen mehr Zeit ist sich auszutauschen als am Morgen, wenn schon andere Eltern warten und nebenbei die Kinder beaufsichtigt werden müssen und organisatorische Dinge ihren Raum fordern. Aber dafür reicht die Zeit, die ihr zur Verfügung steht schlichtweg nicht aus. Die PädagogInnen haben ein knappes Zeitkontingent zur Verfügung und Überstunden, die durch solche Elterntreffen zustande kommen würden, werden nur begrenzt genehmigt. Jede Minute wird gezählt und viele der notwendigen Vorbereitungen für die tägliche reguläre Arbeit macht Julia zu Hause in ihrer Freizeit. Es ist ihr sehr wichtig, dass sie qualitätsvolle Arbeit leistet. Doch diese Qualität kann sie nur dann erreichen, wenn sie auch ihre Freizeit unentgeltlich dafür verwendet. Mehr als eine Stunde Vor- bzw. Nachbereitungszeit pro Tag wird nicht bezahlt, außer bei „angeordneten“ Veranstaltungen, wie zum Beispiel dem Elternabend am Beginn des Kindergartenjahres. Und damit hat Julia noch Glück, denn viele ihrer KollegInnen in Kärnten haben überhaupt nur mehr eine halbe Stunde pro Tag für Vor- und Nachbereitungen zur Verfügung.

 

Ausflüge mit Eltern und Integration

Heute weist Julia die ankommenden Eltern auf ein großes Plakat hin, das sie in der Garderobe aufgestellt hat. Mit Fotos und Zeichnungen dekoriert kündigt das Plakat einen baldigen Ausflug an, den die Gruppe gemeinsam mit den Eltern machen wird: eine kleine Wanderung an einem nahegelegenen See ist geplant. Schon vor einer Woche hat Julia Einladungen an die Eltern ausgegeben, in drei Tagen soll der Ausflug nun stattfinden. Sie hat viele Einzelgespräche  geführt, versuchte jedem Elternteil zu erklären wohin sie fahren will, was dafür benötigt wird und Fahrgemeinschaften organisiert. Wie jedes Jahr war das auch heuer ein sehr anstrengendes Unterfangen, aber Julia misst diesem ersten Ausflug im Herbst eine große Bedeutung bei:

„Wenn die Eltern da mitfahren, miteinander in Kontakt kommen und beim Ausflug sehen und spüren wie ich arbeiten will und was ich vermitteln möchte, dann „habe“ ich sie. Dann verstehen sie mich und die weitere Zusammenarbeit wird um vieles leichter. Ich denke auch, dass es wichtig ist etwas mit den Eltern zu erleben. Wenn man mit Eltern etwas erlebt, wenn das Kind etwas mit den Eltern erlebt und in der Gruppe und mit uns Fachkräften (...), dann ist das so ein tiefes Erlebnis. Das hast du mit allen Sinnen erlebt, das hast du mit dem Körper gespürt, das sitzt dann ganz tief. Und da kommt dann eine richtige Kommunikation heraus zwischen Kind und Eltern und Kindergarten. Die Kinder fühlen sich wohl, die Eltern untereinander reden, der mag den und der mag den und da ist eine ganz andere Harmonie. Und darauf kann man aufbauen, dann sind sie nämlich offen für das, was ich mache.“

 

Die Rahmenbedingungen...

Das alles klingt nach vorbildlicher frühpädagogischer Arbeit. Und das ist es meiner Einschätzung nach auch. Das könnte es aber in noch viel höherem Ausmaß sein, wenn da nicht einige negative Faktoren wären, die Julias Arbeit beeinträchtigen. Wir sind bei den verbesserungswürdigen Rahmenbedingungen angelangt, die auch Julia zu schaffen machen und sie immer wieder an ihre Grenzen bringen. Aus vielen Gesprächen und Beobachtungen wurde mir sehr bald bewusst, dass pädagogische Arbeit in einer Qualität wie Julia sie umsetzt, nicht mit den Mitteln und Rahmenbedingungen erreicht werden kann, die die Kindergartenpädagoginnen in Kärnten zur Verfügung haben. Die Vorbereitungszeit reicht längst nicht aus, um alles für den Kindergartenalltag zu organisieren. Auch heute wird Julia wie selbstverständlich nach Dienstschluss an den Ort fahren, den sie in drei Tagen mit den Eltern und Kindern besuchen möchte. Sie wird den Weg abgehen und sicherstellen, dass das Gelände sicher und für den Ausflug geeignet ist. Nach dem Ausflug wird sie wie immer die Fotos, die sie an diesem Tag gemacht hat in einem eigens dafür angelegten Ordner auf ihrem privaten Laptop zu Hause speichern. Sie hat vor eine Mappe mit den Bildern in der Garderobe zur Ansicht aufzustellen. Am Ende des Kindergartenjahres wird sie die Bilder auf eine CD brennen und zum Andenken den Familien  übergeben. Viele solcher Arbeiten macht sie zu Hause  an ihrem privaten Computer, im Regenbogenhaus gibt es für alle Pädagoginnen nur einen veralteten PC. Um diese Arbeit dort zu erledigen reicht die Vorbereitungszeit nicht aus und sie müsste Glück haben das Gerät dann nützen zu können, wenn sie Zeit dafür hätte. Also macht sie das wie viele andere kleinere und größere Arbeiten zur Vor- und Nachbereitung lieber zu Hause bzw. in ihrer Freizeit, anders ginge es meist nicht. Die Zeit, die sie dafür aufwendet wird ihr nicht abgegolten, es scheint normal zu sein, dass eine „gute Kindergartenpädagogin“ das so macht und das wird vom Arbeitgeber nicht hinterfragt oder honoriert.
Aber das ist nur ein Beispiel für die „besonderen“ Rahmenbedingungen unter denen Julia und ihre KollegInnen arbeiten müssen. Denn neben dem Zeitmangel gibt es auch zu wenige finanzielle Mittel, eine beengte räumliche Situation, zu viele Kinder pro Gruppe und keine mehrsprachigen Fachkräfte, die im Regenbogenhaus so wichtig wären. Immer wieder haben Julia und ihre KollegInnen diese Mängel aufgezeigt, sich an die pädagogische Leitung der Kindergärten gewandt. Hin und wieder gibt es dann auch kleine Verbesserungen. Wie zum Beispiel eine Senkung der Kinderzahl von 25 auf 20 pro Gruppe, aber nur wenn es möglich ist (d.h. wenn nicht im letzten Moment oder auch noch während des Kindergartenjahres kindergartenpflichtige Kinder angemeldet werden) und nur in jenen Betrieben mit vielen mehrsprachigen Kindern. Es gibt ab und zu Schritte, die in die richtige Richtung gehen, sagt Julia. Aber unterm Strich sind die Arbeitsbedingungen noch immer belastend und gutes Arbeiten ist nur mit sehr viel Aufwand und Energie möglich. Da verwundert es kaum, dass Burnout in dieser Berufsgruppe immer wieder Thema ist. 

Müde...

Als Julia den Kindergarten um 17.00 h verlässt ist sie sehr müde und freut sich auf den Spaziergang am See, bei dem sie das Angenehme mit dem Nützlichen – der Erkundung des Weges für den bevorstehenden Ausflug – verbinden kann. Heuer wird sie diesen Ausflug zum letzten Mal machen, es ist ihr letztes Arbeitsjahr vor der Pensionierung.

„Irgendwie ist es schade, dass ich aufhöre. Ich weiß ich könnte noch viel Gutes tun für die Kinder und ihre Eltern und ich weiß, dass sie das auch brauchen würden. Aber für mich ist es auch gut aufzuhören. Ich merke wie mich die Arbeit mehr und mehr auslaugt, unter diesen Bedingungen ist es teilweise einfach schwer und sehr belastend. Ich möchte an dem Punkt aufhören, an dem es sich noch richtig und gut anfühlt. Ich hoffe für meine KollegInnen, dass sich bald etwas Grundlegendes ändert.“



[1] Name geändert
[2] Name geändert

1 Kommentar:

  1. Fahrgemeinschaften sollte man viel öfters nutzen. Sie sparen Geld und schonen die Umwelt. Zu schade, dass manch einer immer noch lieber alleine fährt als mit einer Fahrgemeinschaft. Dabei ist es ja ganz lustig neue Leute auf einer Strecke kennen zu lernen und sich mit ihnen zu unterhalten. Ich bin heuer auf diese Weise auch in den Winterurlaub gefahren. Hatte das Glück samt Gepäck, was ja beim Winterurlaub nicht wenig ist, mitgenommen zu werden. Und so hab ich etwas sparen können und mir dafür ein schönes Hotel in Salzburg nehmen können :)

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